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Als ich meine Mutter als Kind mal fragte was eine Sage ist, erhielt ich als Antwort: "Eine Sage ist wie eine Geschichte, mit dem Unterschied das sie nicht frei erfunden, sondern ein Teil der Erzählung immer wahr ist. Von Generation zu Generation wurden diese weitererzählt und so kam es, dass sich die Erzählung immer ein wenig verlängerte oder veränderte, wodurch sie an Spannung und Interesse gewann."

Deshalb sollte jeder sein eigenes Bild von Sagen haben, auch von der nun folgenden. Ich hoffe für die Zukunft, weitere Sagen die mit Wüstmark im Zusammenhang stehen ausfindig zu machen. Sie ist zum Teil in Plattdeutsch verfasst, der alten Sprache der Norddeutschen. Bei Bedarf stelle ich auch gerne einen Text in reinem Hochdeutsch in das Netz.

Die Hexe Klecksch

Bestmudder oder Mudder Klecksch, wie sie mit richtigem Namen hieß, lebte vor langer Zeit in Wüstmark. Wenn eine Kuh nicht kalben konnte, ein Schwein nicht fressen wollte, kam man zu ihr und bettelte: “Bestmudder, help uns, Bestmudder, lat uns nich in`n Stich. Wenn Du emm nix Zruugust, kümmt uns Vieh nad`n Schinner!” Bestmudder half, aber nicht jedem. Sie ließ Kind und Vieh sterben, bei denen, die sie beschimpft hatten. “Klecksch wier doch `ne Hex!”

Der Jäger machte meist einen weiten Bogen um sie. Immer wenn er ihr begegnete, ging der Schuß daneben. Eines Tages sieht er sie mit ihrem Enkel Gusching beim Distelstechen auf dem Brink. Er will zurück. Doch als er weitergehen will, ist Bestmudder verschwunden. Träumt er? Gusching sticht eine Distel aus. Aber ein Hase sitzt in der grellen Sonne auf dem Dreesch und mach Männchen. Der Jäger legt an. Als auch der dritte Schuß daneben geht, fängt der Hase an, wie ein Hund zu kratzen. Jetzt weiß der Jäger, der Hase kann nur die Hexe Bestmudder sein. Er macht ein Kreuz, rennt in den Wald und wirft sich in die Büsche um zu sehen, was sich nun weiter auf dem Dreesch begibt. Und wirklich - Bestmudder ist wieder da, der Hase ist verschwunden. “Wo büst du wäst?” fragt Gusching. “Bi di!” sagt Bestmudder. “Nä!” sagt der Junge. “Bi di. Kannst du nich hör`n, du dämliche Bengel?” ereifert sich Bestmudder. “Nää!” sagt der Junge. Da haut Bestmudder dem Jung eine herunter, sodaß im nächsten Augenblick der Kopf weg ist. Der Jäger hats gesehen. Bestmudder sieht sich um, ob jemand es gesehen hat, nimmt seelenruhig den abgeschlagenen Kopf und setzt ihn auf die Schulter des kopflosen Jungen.

Acht Tage darauf steht Bestmudder vorm Dorfgericht. Der Jäger erzählt vom Hasen und dem abgeschlagenen Kopf. Bestmudder sagt: “Alles Lögen ik hew Distel stäken!”. Gusching, der einzige Zeuge sagt immer nur: “Kann`k nich seggen, kann`k nich seggen!”. Als der Junge weiter verhört werden soll, wird Bestmudder das ganze zu dumm. “Wenn de Kopp aw west is, müss doch `ne Stell oder `ne Narw (Naht) to sehn sen!”. Ja, das müßte wohl sein. Die Bauern besahen Geschings Hals rundum. Er war schön glatt, wie der Hals eines Jungen, der seinen Kopf nicht verloren hat. Mudder Klecksch wurde freigesprochen. Wenn man ihre Hilfe brauchte, war sie wieder Bestmudder. “Aewer `ne Hex wier se doch!”.

Gekürzt aus "Bestmudder" von Hans Franck, Meckl. Mon. Hft. 1932, S. 505

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