|
Mit
gigantischer Kraft wehrte sie sich gegen ihre Mörder. Einzeln,
stückweise hat man sie umgelegt. Der Brand des 200 jährigen
Strohdachhauses versengte ihre dem Haus zugewandten Zweige. Als
die stolze Bauernburg, die Schulzenstelle des Dorfes, in Trümmer
sank, da ging ein Beben durch ihr Geäst. Tot, verkohlt lag da,
was über 2 Jahrhunderte unter ihren Fittichen lag. Dann kam
auch schnell ihr Ende. Das neue Haus entstand, da hatte sie
keinen Platz mehr.
Man schlug ihr das Geäst ab, das Jahr für
Jahr hoch über alle Dächer ragte und dem Heimkehrenden weit
entgegen grüßte. Da wandte mancher seine Augen ab von dem
Stumpf der Linde. Ihre Krone beraubt, trauerte sie. Kein
Vogelruf mehr aus ihrem stolzen Gezweige, kein Eulenschrei aus
mondübergänzten Ästen, kein Duft von gelben Blüten, kein
Sturmesrauschen durch laue Frühlingsnächte, kein Schatten,
kein Platz mehr für singende Dorfjugend, kein Ort mehr für
Liebende, für staubbedeckte Wandersleute. Mutter Erde gab den
Wurzeln was sie hatte. So schlug beim Lenzeseinzug noch einmal
der gewaltige Stamm unzählige Schösslinge. Das kalte neue Haus
stand fertig da.
Jetzt hieß es ans Sterben denken. In der alten
Steinmauer, die sich wie ein Ring um die Bauernfeste legte und
auch die Linde schütze, wurde eine tiefe Lücke gerissen. Dann
grub man in schwerer Arbeit, das Wurzelwerk der Linde frei vom
Boden. Fremde Männer schlugen, sägten, brachen Tag für Tag.
Sie liefen davon und kamen doch wieder. Mutter Erde hielte ihr
ältestes Kind, mit ihrer Liebe fest. Die Wurzeln umklammerten
sie in Todesangst. Doch Axt, Säge und Brecheisen und das letzte
Bauernpferd der Hufe ließen nicht ab vom Zerstörungswerk.
Schwer legte sie sich zur Seite und krachend schlug der Stamm
nach Süden.
Ein Schrei von 3 Jahrhunderten stieg in die Luft.
Die Leute gingen tagsüber, als unter Zwang stehend. Kein Lachen
schallte durchs Dorf, kein Kind ging an dem Tag auf den Anger.
Vom Lindhorst und dem Moor wehte es Nebelhaft ins Dorf. Einer
will das Klingen der nahen Kirchendorfglocken, mit dem
heraufziehenden Nebel gehört haben. Tagelang kreischte die Säge
durch das Lindenholz. Drei Schnitte nur, aber jeder Schritt
dauerte einen halben Tag. Dann biss die Axt ins Holz, Keile fraßen
sich fest. Die Schläger holten hoch aus Stück um Stück riss
man der Linde vom Leib. Die Fäller seufzten: „Es lohnt sich
nicht der Müh!“.
Wagen um Wagen fuhr fort was die Axt vom
Stamm biss. Hatte der Stamm viel Arbeit gemacht, weit größere
schufen die Wurzeln. Tief und weit verholzt saßen sie im
Heimatboden. Spaten, Beil und Axt holten Stück um Stück
heraus. Tage vergingen, dann setzte die Arbeit wieder ein.
Endlich als Wochen vergangen waren, war der Boden kreuz und quer
zerwühlt. Wo einst die stolze, schattige Linde stand, war jetzt
eine Lücke im Himmel und aufgerissen der Boden. Kalt und steif
stand der neue Kasten da.
Dies
aber ist die Geschichte der Linde.
Als
sie aufgrünte, ducke sich das Dorf unter der Geißel des 30 jährigen
Krieges. Hinter dem zerfallenen geflochtenen Zaun stand sie, auf
des Schulzen Hans Schomackers Hofstätte. Ihre Jugendzeit war
harte Zeit. In der wilden Kriegszeit flüchteten 8 Bauersleut
und dann ein Kätner in den Boll- und Lindenhorst, versteckten
sich in Rusch und Rohr. Als der Friede kam da beendete der Tod
Hans Schomackers leidvolles Leben. Hans
Zierkes und Kastor Röbkes Stätten lagen wüst. Alle Zimmer
waren verbrannt, es lebte noch die Witwe im Dorf, der Sohn und
die Tochter dienten auf dem Ostorfer Hof als Knecht und Magd.
Joachim Schomacker mit neuem Hoffen übernahm das Erbe seines
Vaters.
Als
die Herbststürme des Jahres 1693 den jungen Stamm umtosten nahm
der 40 jährige Klaß Dahl des Schulzen Schomackers jüngstes Töchterlein
Liese zur Frau. Sein
Heimatdorf Sülstorf wo sein Gehöft stand war durch den 30 jährigen
Krieg zerstört und lag noch arg darunter und bot keinen
Unterhalt. So rief ihn sein Bruder Joachim nach dem verschont
gebliebenen Wüstmark. Acht
Jahre lebte er in dem alten Haus. Ilschegret ihre älteste und
erste Tochter war 3 Jahre alt da baute der Schulze Schomacker im
aufgehenden neuen Jahrhundert ein neues Haus.
[nach oben]
|